Kapitel 08 / KREATIVITÄT & MUT ZU GROSSEN IDEEN

Ich bin ein Bild.

Und wenn ich will,

sag ich dir mehr als

tausend Worte

Sprechende Bilder gab es bisher nur bei Harry Potter. Jetzt haben Forscher an der TU Chemnitz eine revolutionäre Technik entwickelt, mit der Fotos und Gemälde ihre Geschichte erzählen können. Serviceplan hat die technische Innovation erstmals gemeinsam mit der Universität und World Press Photo umgesetzt und konnte den besten Pressefotos des Jahres 2016 eine Stimme verleihen. Wie aus einem Traum ein Projekt wurde.


AUTOR // COSIMO MÖLLER,

MANAGING DIRECTOR SERVICEPLAN CAMPAIGN

G

eschichten erschaffen Bilder. Und Bilder erschaffen Geschichten im Kopf derer, die sie betrachten. Jeder kennt dieses Phänomen, es passiert jeden Tag in nahezu jeder Situation. Beim Blättern in Illustrierten, im Social Web, auf Großflächen oder ganz klassisch im Silberrahmen auf Omas

Klavier. Man betrachtet ein Bild. Es gefällt einem, berührt einen oder es ekelt einen an. Es stimuliert das limbische System, also den Teil des Gehirns, in dem Emotionen verar- beitet werden, auf unterschiedlichste Weise und lädt einen auf eine Reise ein. Einen kreativen, von Fantasie getragenen Trip, bei dem man als Betrachter beginnt, seine Ver- sion der Geschichte des Bildes zu entwickeln. Und so kommt es, dass zum Beispiel von da Vincis Mona Lisa Hunderte, nein Millionen „Lesarten“ existieren, das heißt Interpre- tationen des Bildes und seiner Entstehungsgeschichte. Bei jeder einzelnen handelt es sich nicht um die reale Geschichte hinter dem Bild, sondern um die jeweilige Deutung des Betrachters. Individuelles Vorwissen, persönliche Umstände und zeitliche Hintergründe inklusive.

Und jetzt stellen wir uns mal folgende Situation vor: Man stünde im Louvre vor der Mona Lisa und begänne, sein Bild vom Bild, seine Version der Geschichte im Kopf zu kreieren. Das geheimnisvolle Lächeln, diese vollkommenen weiblichen Proportionen, wirklich das perfekte Abbild der für ihre Schönheit berühmten italienischen Adeligen Lisa del Giocondo – da unterbräche einen das Bild mit sanfter Stimme:

„Salve. Ich bin übrigens nicht La Gioconda. Mein Name ist Andrea Salaino Floren- tine und ich bin der – oh ja, du hörst richtig –der langjährige Geliebte Leonardos. Und mein Lächeln … Nun ja, ich lächle, weil Leonardo mir ein freches, ziemlich ungehöriges Kompliment gemacht hat.“ Man wäre vermutlich erst mal ein wenig vor den Kopf ge- stoßen. Dann aber wäre man vor allem berührt, inspiriert und verzaubert.

Jetzt wird aus dieser Vorstellung Realität. Was bislang undenkbar war, ist nun mög- lich: Bilder können sprechen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Als ich diesen Satz von Professor Arved Hübler von der TU Chemnitz auf einem amerikanischen Wissenschafts- blog entdeckte, schrieb ich mir ein Post-it und heftete es an meinen Laptop. „Fotolaut- sprecher“ stand da als erinnerndes Fragment. Einfach mal so stehen lassen.

Was folgte, waren allerdings drei schlaflose Nächte. Nachts aufwachen mit wachsender Begeisterung: Ja, der Gedanke ist gut, nein, besser. Die Idee fixte mich mehr und mehr an. Und so begann mein Bild vom sprechenden Bild zu entstehen.

Da ich nichts für mich behalten kann, habe ich das Virus „Faszination“ sofort mit einem beiläufigen Niesen an mein Team um Valerie, Joana und Franziska übertragen. Großartig, festzustellen, dass geteilte Freude mehr als ganze Freude ist. Spätestens, als wir um zwei Uhr morgens unsere Ideen und fantastischen Gedanken vom „sprechen- den“ Buch per WhatsApp austauschten, musste er passieren – der erlösende Griff zum Telefonhörer.

Was ich dabei nicht bedachte, war, dass nun eine mehrjährige Reise begann. Denn was sich in dem Blog-Beitrag so einfach las, war der Anfang einer Print-Technologie, die zwar in der Theorie bereits geboren, in der Praxis aber noch nicht mal gezeugt war.

Unvergessen unsere erste Fahrt ins charmante Chemnitz – und die erste Ernüchte- rung bei Soljanka und Schwarzbier (mehreren übrigens). Eines mussten wir kreativen Fantasten ganz schnell lernen: Nichts im Leben geht so schnell, wie man es gerne hätte.

Ich könnte nun auf über 100 Seiten die technische Entstehungsgeschichte beschrei- ben, was allerdings spätestens ab Seite vier langweilen würde. Deshalb hier kurz die Fakten um diesen neu entwickelten Druckprozess, an dem das Institut für Print- und Medientechnik der Technischen Universität Chemnitz zehn Jahre lang forschte. Das For- schungsobjekt war ein Verfahren, mit dem vollflächige Lautsprecher auf Papier gedruckt werden können. Dabei werden elektronische Komponenten auf flexible Substrate ge- druckt. Diese Seiten werden dann über eine SD-Karte in der Buchdecke mit den Sound- Daten versorgt. Was so technoid-trocken klingt, ist verblüffend: Es entstehen Buchsei- ten, die Töne wiedergeben, sobald sie aufgeblättert werden. Beim Umblättern stoppt der Sound, und das nächste Bild beginnt „zu sprechen“.

Gemeinsam mit der Uni Chemnitz setzten wir diese innovative Technik erstmals um, und – was lange währt, wird schließlich geil – konnten mit unserem Kunden World Press Photo den besten Fotos des Jahres 2016 eine Stimme verleihen. In einem Jahrbuch, dessen Seiten direkt zum Betrachter sprechen, mit Original-Sound, Stimmen von Zeit- zeugen, Statements von Fotografen und der wahren Geschichte hinter dem Bild. Manch- mal – und das ist das Wunderbare an den Geschichten hinter den Bildern – genügt auch nur ein wenig Musik, um die ganze Geschichte hinter dem abgebildeten Bild zu erzäh- len. Ganz ohne auch nur ein gesprochenes Wort.

Ein mehr als berührendes Beispiel ist das hier gezeigte Bild des chinesischen Foto- grafen Yongzhi Chu.

Was sehe ich?

Ein Rhesusaffe kauert tief verängstigt vor einer Mauer. Vor ihm, mit dem Rücken zum Betrachter, ein Mann, der sich in Richtung der bedauernswerten Kreatur bewegt.

Verstört beginne ich, das Bild zu dechiffrieren. Was ist da los?

Wir überlegten zwei Alternativen, dem Betrachter die Hintergründe des Bildes zu erzählen. Die eine wäre die Stimme eines Sprechers gewesen (hier, wie im gesamten Buch, in Englisch):

„A rhesus macaque cowers as its trainer approaches, while training for a circus act, in Suzhou, eastern China.

Performing animals in circuses and zoos are enormously popular in China. After years of pressure from animal-welfare groups, the Chinese government has banned ani- mal circuses, and implemented regulations to stop abuse at state-owned zoos, but many trainers say they have not heard of the ban, nor have any intention of stopping. Autho- rities in Suzhou, which with its 300 troupes is known as the hometown of circus in Chi- na, have announced plans for developing alternative circus entertainment, without per- forming animals.“

Oder wir „erzählen“ dem Betrachter exakt dieselbe Geschichte ohne ein gesproche- nes Wort: Sobald er zu der Seite des Jahrbuchs blättert, ertönt laut und blechern Zirkus- musik. Sonst nichts.

Wir entschieden uns bei diesem Bild für die Musik.

Selten hat uns ein Projekt mehr abverlangt. Mehr Mut, mehr Nicht-Aufgeben, mehr „Morgen, ach morgen ist auch noch ein Tag …“ und mehr technisches Verständnis. Nach unserer mehrjährigen Reise in die Welt der flüssigen Polymere und an den Rand der Verzweiflung wurde doch alles wunderbar.

Print ist tot – es lebe Print. Und wie.

„WORLD PRESS PHOTO“ – FILM (EN)