Kapitel 04 / SOCIAL & NETWORKS

Die

DIGITALE

REVOLUTION

ist nicht

aufzuhalten

Es war eine der Top-Meldungen von 2015: adidas übernimmt für 220 Millionen Euro das österreichische Fitness-Start-up Run- tastic. Aus der Idee einer Lauf-App, an die 2009 außer Flori- an Gschwandtner und seinen drei Mitgründern niemand glauben wollte, ist ein echtes Erfolgsunternehmen geworden. Im Interview erklärt Florian Gschwandtner, CEO und Frontmann der App-Schmiede, warum wir mehr an uns glauben sollten, wie man technikferne Zielgruppen erobert und was für ihn das digitale Geschäftsmodell der Zukunft ist.

ILLUSTRATION // TOBY NEILAN

FOTOGRAFIN // MARINA PROBST-EIFFE

INTERVIEW // FLORIAN GSCHWANDTNER, MITBEGRÜNDER UND CEO RUNTASTIC,

IM GESPRÄCH MIT ANDRÉ FELKER, MANAGING PARTNER SERVICEPLAN AUSTRIA

Runtastic

Guten Morgen, Herr Gschwandtner! Wie viele Kilometer sind Sie heute schon gelaufen?

Florian Gschwandtner: Heute konnte ich noch gar nicht laufen. Ich habe ein Verbot vom Osteopathen für zwei Wochen bekommen, leider. Oberschenkelzerrung. Die muss erst ausheilen.

Wie viel Sport machen Sie denn so normalerweise?

FG: Prinzipiell habe ich keine zu 100% fixe Routine, ich mache Sport, wie es mir gefällt. Ich gehe zwei- bis dreimal in der Woche laufen und schwimme auch gerne, das mache ich so drei- bis fünfmal wöchentlich. Dazu kommen die täglichen Liege- stütze. Da ist mein derzeitiges Ziel, wieder auf 100 zu kommen.

Viele Menschen sagen, sie hätten keine Zeit für Sport …

FG: Sport geht sich immer aus. Alles andere ist eine Ausrede. Wenn man viel zu tun hat, kann man früher aufstehen, und schon ist die Stunde Laufen möglich. Ich laufe gerne alleine mit Kopfhörern oder gehe mit einem Freund, will dabei aber nicht über die Arbeit reden. Wenn ich gemütlich laufe, kann ich sehr gut nachdenken, und so entstehen beim Laufen wichtige Ideen und Visionen.

Runtastic bietet 19 verschiedene Apps an, die in erster Linie auf Fitnessfreaks abzielen. Kann man mit Technik so weit begeistern, dass auch ein Sportmuffel zum Läufer oder Radfahrer wird?

FG: Die Technik ermöglicht es, Sport zum Mainstream zu machen. Unser Erfolg ba- siert darauf, dass die Leute zwar keine Lust haben, sich ein GPS für 200 oder 300 Euro zu kaufen, aber sie haben ein Smartphone und können sich kostenlos eine Runtastic Lauf-App herunterladen. Das haben sie vielleicht bei anderen gesehen, wollen es selbst ausprobieren und finden dann Gefallen daran. Es ist definitiv ein Ziel von uns, mehr Menschen durch Technik zum Sport zu bringen – und das ge- lingt auch. Nehmen Sie meinen Vater. Der ist 64 und läuft die zehn Kilometer mit Runtastic in einer wirklich beachtlichen Zeit. Ich komme von einem Bauernhof, bei uns war Technologie immer eher im Hintergrund. Irgendwann habe ich meinem Va- ter ein iPhone zu Weihnachten geschenkt. Da hieß es erst, so was wie Apps braucht doch keiner, aber mittlerweile ist es ein wichtiger Teil seines Lebens geworden. Wenn ich eine Zielgruppe wie meinen Vater erreichen kann, dann kann ich nahezu jeden damit begeistern. Die Einstiegshürde – um die geht es. Die müssen wir überwinden.

In Top-Form: Florian Gschwandtner, CEO Runtastic, im Interview mit ...

Wie wichtig ist der Gesundheitsaspekt bei Runtastic? Oder geht es mehr um die Com- petition und das Teilen mit anderen?

FG: Beides spielt eine Rolle. Das Thema Gesundheit wird wichtiger, das merkt man allein schon beim Fernsehen. Da geht es viel um gesunde Ernährung oder ums Ko- chen. Gott sei Dank wird das Thema immer wichtiger, weil zum Beispiel die Zahl adipöser Kinder stetig zunimmt. Was wir bei den Runtastic Usern beobachten, un- terstreicht diesen Trend: Bei der Zielgruppe ab 35 ist die Motivation Nummer eins das Abnehmen. Bei der jüngeren Zielgruppe ist es mehr der Spaß an den Daten, an der Challenge, am Vergleichen.

2015 war ein sehr erfolgreiches Jahr für Sie. Sie haben den Verkauf von Runtastic an adidas als „next big move for the company“ bezeichnet.

FG: Letztes Jahr war ein volles und sehr schönes Jahr für mich. Es ist auch so, dass man diesen Status des erfolgreichen Unternehmers positiv nutzen und der Gründer- szene noch mehr Schub und Rückenwind geben kann. Man kann anderen Jungun- ternehmern zeigen, dass man, auch wenn man wie ich kein Vorzeigeschüler war, ein erfolgreicher Unternehmer werden kann. Ich war vielleicht im besseren Drittel, und das war dem Ehrgeiz geschuldet und weniger meiner Intelligenz, aber im Vergleich zu meinen Gründerkollegen war ich bei weitem nicht so gut. Das sage ich auch ger- ne meinen Studenten. Wir sind außerdem als Business Angels unterwegs und haben mittlerweile 14 Beteiligungen. Damit geben wir etwas in die Gründerszene zurück. Mein größtes Ziel ist, etwas im Bildungssystem in Österreich zu bewegen. Ich möchte erreichen, dass jedes Kind hier perfekt Englisch spricht. Das ist eine Missi- on, die ich irgendwann angehen möchte und werde.

2016 wurde Runtastic als „Great Place to Work®“ ausgezeichnet. Was machen Sie bes- ser als viele andere?

FG: Wir versuchen, mit so wenig Regeln zu arbeiten wie möglich. Ein paar braucht es natürlich. Wir machen zum Beispiel einmal im Quartal einen Satisfaction Survey über alle Bereiche – von der Kommunikation über die Teamarbeit bis zum Marke- ting. Wichtig ist mir die Zugänglichkeit, meine Tür steht immer offen für unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Bei uns arbeiten tolle Leute aus 32 Nationen, das ist sehr diversified und für unsere Kultur sehr wichtig. „Together everybody achieves more“ – das ist unser Credo. Das Team, das ist einfach ganz ganz wichtig für uns.

... André Felker, Managing Partner Serviceplan Austria.

Wie fördern Sie die gute Atmosphäre im Team?

FG: Wir investieren sehr viel in das Team. Wir erweitern gerade das Büro hier in Linz, wir fragen die Leute regelmäßig nach ihren Wünschen und Bedürfnissen. Wir machen einmal im Monat einen „Day of new Ideas“- (DONI-) Tag, wo alle an Ide- en und Projekten jenseits des Daily Business arbeiten können. Die Leute kriegen je- den Monat ein Budget für gemeinsame Teamevents, sie dürfen Running Meetings machen, wir gehen gemeinsam in der Arbeitszeit laufen und, und, und. Wir versu- chen nicht nur Start-up hinzuschreiben, sondern Start-up zu leben. Bei uns können die Leute, wann immer sie wollen, zum Wuzzler (Anm. d. Red.: Tischfußball) gehen und spielen. Es soll einfach geil sein, und das taugt den Mitarbeiter und Mitarbeite- rinnen, das merkt man.

Wie sieht Ihr eigener Arbeitsalltag aus?

FG: Ich selbst bin um sechs in der Arbeit. Da war ich dann schon eine Stunde lau- fen. Wenn das ganze Gründerteam um sechs mit der Arbeit anfängt, kommen die anderen auch nicht alle erst um zehn. Nur so geht etwas weiter. Das ist für mich hier in Österreich manchmal schwierig, zum Beispiel am Freitagnachmittag, da den- ke ich mir schon, was ist da los… Aber das ist eben Österreich, und das muss man auch zulassen.

Digitale Transformation und digitale Vernetzung sind zentrale Schlagwörter im Marke- ting. Warum erfahren diese Begriffe gerade jetzt so einen Hype?

FG: Seitdem junge Unternehmen ganze Branchen richtig umrühren, wie Airbnb die Hotelbranche, hat man erkannt, dass die digitale Transformation nicht aufzuhalten ist. Das betrifft inzwischen alle Industrien. Ich berate einige größere Unternehmen strategisch in diesem Bereich. Was ich schlimm finde, ist zum Beispiel, dass das in- novativste Elektroauto der Welt, der Tesla, im Silicon Valley gebaut wird und nicht in Deutschland. Spätestens dann sollten die Alarmglocken schrillen. Und zwar in ganz Europa. Denn die Automobilbranche ist der Wirtschaftsmotor Europas. Dazu kommt, die Menschen ändern sich, das Thema Nachhaltigkeit etwa ist total wichtig geworden. Es gibt sogar schon vegane Lenkräder, die du dir bei Tesla bestellen kannst. Oder nehmen Sie die grüne Supply Chain bei adidas. adidas ist hier ganz weit vorne, die drittsauberste Supply Chain der Welt. Bei Runtastic versuchen wir ebenfalls, so wenig Plastik wie möglich zu verwenden. So wird eine digitale Revolu- tion ausgelöst, und darauf stehen die Leute wirklich.

Ist uns Amerika in diesem Punkt voraus?

Ja,

FG: Ja, die digitale Revolution ist nicht aufzu- halten, das geht massiv schnell, und Europa hinkt bereits sehr hinterher. In Amerika gibt es einfach einen ganz anderen Zugang im Sinne der Culture of Failure. Im deutschen Wort „fehlerfrei“ steckt das Wort „Fehler“ ja schon drin. Das beginnt bei der Schulbil- dung, wo es immer noch keinen Grünstift, sondern nur den Rotstift für die Fehler gibt. Schule läuft ohne Motivation und ohne dass gesagt wird, was gut, was richtig gemacht wurde. Wir trauen uns dadurch zu wenig zu. Als meine Gründerkollegen und ich damals unseren Businessplan vorgestellt haben, wussten sechs Leute am Tisch, warum die Idee nicht funktioniert. Das ist typisch deutsch-österreichisch. Das ist eine Katastro- phe. Ich schreibe deswegen zum Beispiel „Thankful Thursday Notes“, in denen ich wöchentlich einigen Mitarbeitern und Mitar- beiterinnen persönlich für ihren Einsatz und ihre Ideen danke. Das löst viel in den Köpfen der Menschen aus. Celebrating and praising success! Praising the people! Das wird in Eu- ropa viel zu wenig gemacht.

die digitale Transformation

ist nicht aufzuhalten, das geht massiv schnell, und Europa hinkt bereits sehr

hinterher.

Wie haben Sie es trotz der Skepsis, die Ihnen damals entgegenschlug, geschafft?

FG: Wir wollten ein Unternehmen gründen und Geld einsammeln und haben keines bekommen. Nach dem Motto: So ein Blödsinn, macht’s was G’scheites. Vier Grün- der, das funktioniert nicht, das ist keine Firma, sondern so ein App-Scheiß. Dann haben wir eben am Wochenende gearbeitet und Apps für Mobilfunkanbieter entwi- ckelt, ich habe Freitag und Samstag an der Fachhochschule unterrichtet. So haben wir unser erstes Geld verdient und unsere ersten Mitarbeiter bezahlt und die ersten 18 Monate selbst keinen Cent verdient. Das war nicht nur lustig. Aber es hat sich niemand beschwert. Angst vor dem Scheitern hat es nicht gegeben. Wir hatten auch keinen Plan B. Wir wussten, wir sind superehrgeizig und fleißig, und es kommt et- was dabei raus. Es war eine schöne Reise, die ich gerne wieder machen würde.

Die Verteidigung bestehender Struktu- ren ist laut einer aktuellen Studie aus Deutschland das größte Hemmnis für Umbrüche und Neuerungen in Unter- nehmen. Was tut man gegen die Angst vor der Veränderung?

FG: Veränderung ist einer unserer Core Values. Unser Kernmotto lautet „Embrace our Flexibility“. Alles kann morgen anders sein als am Tag zuvor. Du musst in der schnellen technologi- schen Welt, in der wir leben, extrem flexibel sein. Wir stellen momentan al- les um und erfinden uns generell fast jedes Jahr neu. Sonst wären wir auch jetzt noch nicht so erfolgreich. Wir sind einfach nicht in einer Branche, in der die nächsten 20 Jahre alles gleich bleibt. Unser Kernteam hat das von Anfang an sehr gut mitgetragen. Aber natürlich gibt es auch Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die nicht mitgehen können oder wollen. Ich habe lernen müssen, dass man sich von Leuten trennen muss, auch von Freunden. Weil es eine Verantwortung für das Unternehmen und für viele andere Leute gibt.

Was heute innovativ ist, kann es morgen nicht mehr sein. Welche neuen Geschäftsmo- delle und mobilen Lösungen tun sich aus Ihrer Sicht im Sportbereich auf?

FG: Membership ist die Zukunft. Es geht immer mehr um Abo-Modelle, das ist auch in der App-Welt mittlerweile angekommen. Unsere Idee ist, dass man mit ei- nem Abo alle Vorteile hat, sei es die Lauf-App, die Bodytrainings-App oder neue Apps, an denen wir gerade arbeiten. Man hat eine Mitgliedschaft, die kostet so 50 oder 60 Euro im Jahr, und damit bekommt man ein All-in-one-Paket mit allerlei Fit- ness- und Gesundheitsinhalten, die wir digital anbieten. Das wird sehr gut am Markt angenommen.

95 Millionen registrierte Nutzer und fast 195 Millionen Downloads – weltweit ist Run- tastic unter den Top 5 der App-Anbieter im Kernbereich Laufen. In welchen Ländern wächst Runtastic?

FG: Android und iPhone wachsen total verschieden, Android mehr in Schwellenlän- dern, Brasilien und Süd-korea, und mit Apple sind wir inChina am Wachsen. Prinzi- piell sind wir in Westeuropa am stärksten – Deutschland, Frankreich, Italien, Spani- en. Und Japan ist extrem stark. Wir haben alle Apps in 15 Sprachen übersetzt. Gleichzeitig gibt es am Markt aber eine gewisse Stagnation, jeder hat so seine Apps gefunden. Wir haben deshalb die Ambition, mit adidas den nächsten Schritt zu ge- hen und einiges zu bewegen. Wir verkaufen mit adidas eine Million Paar Schuhe am Tag, viele davon Laufschuhe, die überhaupt noch nicht mit Runtastic assoziiert sind. Da bemühen wir uns gerade, zu schauen, was wir da machen können.

Was sind Ihre Zukunftsvisionen für Runtastic?

FG: Wir haben einen guten Plan, wohin die Reise gehen soll. Es fühlt sich alles gut an, das Büro wächst, die Zahl der Mitarbeiter wächst. Natürlich gibt es immer viele Herausforderungen. In Summe ist es viel Arbeit, aber ich habe großen Spaß daran!