Kapitel 07 / TALK OF FAME & THE POWER OF PERSONALITY

Ich hatte

keinen

PLAN

B

Ihre Chansons singt sie auf Französisch. Englisch? Spricht sie nicht. Trotzdem wurde Zaz, die im normalen Leben Isabelle Geff- roy heißt, zur international erfolgreichen Musikmarke mit einer riesigen Fangemeinde von Argentinien bis Sibirien. In einem Mar- kenporträt versuchen wir, dem Geheimnis hinter ihrem Erfolg auf den Grund zu gehen. Dass Humor und ihre unprätentiöse Art zum Markenkern der Sängerin gehören, beweist unser Interview.


FOTOGRAF // YANN ORHAN

AUTORIN // ALEXANDRA BERGER

INTERVIEW // ZAZ, SÄNGERIN UND ALEXANDRA BERGER

Zaz


Damit hatte niemand gerechnet, auch nicht die Sängerin selbst: 2010 landet Zaz mit „Je veux“ einen internationalen Superhit. Quasi über Nacht wird die quirlige, ko- boldhafte Französin mit der unverwechselbaren rauen Stimme und der unwiderstehlich guten Laune zum Star. Das Überraschende an diesem Erfolg: „Je veux“ und die anderen Songs auf ihrem Debütalbum „Zaz“ waren kein eingängiger Mainstream-Sound, prä- sentiert in englischer Sprache, sondern ein eigenwilliger Mix aus französischem Chan- son und Weltmusik, zu allem Überfluss mit französischen Texten. Französisch –versteht doch (fast) kein Mensch, kann doch gar nicht funktionieren auf dem globalen Musik- markt. Und wie es funktionierte: Binnen kurzer Zeit wurde Zaz zur internationalen Mu- sikmarke mit einer riesigen Fangemeinde rund um den Globus – von Kolumbien über Europa, die Türkei, Ägypten bis nach Japan und ins ferne Sibirien.

Was also ist das Geheimnis hinter dem Erfolg der 36-jährigen, als Isabelle Geffroy in Tours geborenen Nouvelle-Chanson-Sängerin? Da ist diese mitreißende Energie in den Songs bei denen man einfach mitsingen muss, ob man nun Französisch spricht oder nicht. Bei denen die Beine ganz zappelig werden vor Lust zu tanzen, und bei denen die Laune wie auf Knopfdruck auf sonnig umschlägt. „Wir hören Musik, um uns in die von uns gewünschte Stimmung zu bringen: hoch motiviert fürs Fitnesstraining oder völlig entspannt für die Fahrt nach Hause“, sagt Musikexperte Tim Stickelbrucks, Managing Partner bei Saint Elmo’s Entertainment Los Angeles LLC. Und im Erzeugen von Stim- mung ist die Musik von Zaz eben richtig gut.

Dass sich trotz der Sprachbarriere Menschen auf der ganzen Welt für ihre Songs be- geistern, liege vielleicht an der Mischung aus verschiedenen Musikstilen, bei der jeder etwas Vertrautes wiedererkenne, hat Zaz selbst diese Frage einmal beantwortet. Sie stel- le außerdem immer wieder fest, dass es nicht so sehr auf die Texte ankäme, sondern viel- mehr auf die Musik. Bei Musik gäbe es keine mentalen Grenzen, sie sei unmittelbar, er- klärte sie in einem Interview mit der Deutschen Welle. „Musik verbindet Menschen, löst Konversation aus und schafft unvergessliche Erfahrungen“, meint auch Tim Stickelbrucks.

Und dann ist da natürlich die Story von der armen Straßenmusikerin. Eine Aschen- puttel-Story, wie die Menschen sie lieben und die sich kein Marketingexperte besser hät- te ausdenken können. Vieles von dem, was über Zaz erzählt und geschrieben wurde, entpuppt sich beim Fakten-Check als reines Fantasieprodukt, doch die Eckdaten stim- men. Als Vierjährige erklärt sie ihren Eltern, dass sie Sängerin werden will. Nach dem

Abschluss ihres Musikstudiums in Bordeaux tritt Zaz rund ein Jahr lang in einem Pariser Kabarett auf – sieben Tage die Woche, von elf Uhr abends bis fünf Uhr morgens. Danach macht sie mit zwei Freunden, einem Kontrabassisten und einem Gitarristen, tatsächlich eine Weile im Künstlerviertel Montmartre Straßenmusik. Eine wichtige Erfahrung, sagt sie, denn auf der Straße habe sie gelernt, ihre Zuhörer zu unterhalten. Auf der Straße gelebt und unter einer Brücke geschlafen hat die Wahlpariserin allerdings nie – auch wenn das die Geschichte noch ein bisschen anrührender gemacht hätte. Dennoch hat die Zeit als Straßenmusikerin ihrem authentischen Image Glaubwürdigkeit verliehen. Dass Zaz 2009 ausgerechnet bei einer Castingshow im Fernsehen siegte, nahm ihr später niemand übel. Auch dass der Produzent Kerredine Soltani, mit dem sie ihren Hit „Je veux“ komponierte, damit das Straßenmusiker-Image gezielt bediente, störte nicht. Auf das 2010 vorgelegte Debütalbum folgte im Mai 2013 das zweite Studioalbum „Recto verso“. Im November 2014 erschien zeitgleich in 50 Ländern das dritte, von Superstar Quincy Jones mitprodu- zierte Album „Paris“.

Seit ihrem fulminanten Einstieg ins große Musikbusiness 2010 wurde Zaz für unzäh- lige Preise nominiert, steht mehr oder weniger pausenlos auf Konzertbühnen irgendwo auf der Welt oder für Interviews vor irgendeiner Kamera. Trotz des Ruhms und Trubels um ihre Person hat sie es geschafft, sich selbst treu zu bleiben – auch ein Geheimnis ihres Er- folgs als Musik- sowie als Persönlichkeitsmarke. Man nimmt ihr ihre unprätentiöse Art und ihre Fröhlichkeit ab und genauso, wenn sie sagt, die Welt sei zu schön für schlechte Laune. Und man glaubt ihr, wenn sie erklärt, sie käme auch ohne Ruhm und Starrummel klar und würde trotzdem weiter Musik machen. Zaz gibt sich nie eitel oder selbstverliebt wie andere Stars. Glamour und Luxus – nicht ihr Ding. Man hat nie das Gefühl, dass sie eine Rolle spielt. Auch wenn es um ihr gesellschaftspolitisches Engagement geht. Zaz be- zeichnet sich als Humanistin und gibt einen erheblichen Anteil des vielen Geldes, das sie verdient, der Organisation „Colibri“, die sich für neue Konzepte in der Bildung, Wirt- schaft, Landwirtschaft und Umwelt starkmacht. Wie es aussieht, meint Zaz es ernst mit dem Refrain ihres Songs „Je veux“: „Je veux de l’amour, de la joie, de la bonne humeur – c’ n’est pas votre argent qui f’ra mon bonheur.“



Humor und ein Herz für ihre Heimatstadt Paris: Nouvelle-Chanson-Star Zaz.

Liebe statt Luxus: Zaz’ Lebensphilosophie.

Ich


will Liebe, Freude, gute Laune – euer Geld ist nicht das, was mich glücklich machen wird.

Sie haben als Vierjährige beschlossen, Sängerin zu werden, und dieses Ziel konsequent verfolgt. Für Sie gab es scheinbar keine Alternative zur Musik. Hat Sie das unter Er- folgsdruck gesetzt?

Zaz: Ich habe beharrlich an einen riesigen Wunsch geglaubt, ja. Aber die Vorstel- lung, es hätte für mich keine Alternative zur Musik gegeben, ist falsch. Ich bin eine Träumerin, ich glaube an meine Träume. Ich hätte auch davon träumen können, Pri- maballerina zu werden, um dann diesen Traum zu verwirklichen, wer weiß. Man muss bloß versuchen, die richtigen Mittel an der Hand zu haben, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, das ist alles.

Gab es einen Plan B, falls es Ihnen nicht gelingt, von Ihrer Musik zu leben?

Zaz: Sie sind eher der besorgte Typ, oder?

Wenn jemand zu Ihnen sagt: „Das geht nicht, lass es bleiben“ – was antworten Sie ihm?

Zaz: Nein, ich gebe erst recht Gas!!!

2012 haben Sie mit zwei Mitgliedern Ihrer Band den Montblanc bestiegen und auf dem Gipfel ein Unplugged-Konzert gegeben. Für den zweitägigen Aufstieg haben Sie mehre- re Monate trainiert. Sind Sie immer so diszipliniert, wenn Sie ein Ziel erreichen wollen?

Zaz: In Wirklichkeit bin ich überhaupt nicht diszipliniert, wenn ich keine Ziele habe. Und das Gegenteil trifft genauso zu. Ich brauche, wie viele Leute, Ziele, um mich zu einer bestimmten Form von Disziplin zu zwingen.

Sie lieben die Berge. Kommt man auf neue Gedanken, wenn man die Welt von einem Berggipfel aus betrachtet?

Zaz: Sie meinen das Phänomen der Höhe? Ich weiß nicht, es ist die natürliche Schönheit, die mich inspiriert.

Wo finden Sie mehr Inspiration – in der Stadt oder in der Natur?

Zaz: Das hängt wirklich vom jeweiligen Augenblick ab. Platt ausgedrückt: Ein Son- nenuntergang ist inspirierend, aber die Terrasse eines Cafés mitten in der Stadt kann es auch sein …

Haben Ihre Reisen Einfluss auf Ihre Musik?

Zaz: Auf meine Wünsche und Ambitionen ohne Zweifel. Die Farben, die Düfte, ein bestimmter Klang auf der Straße, ein besonderer Blick, all diese Dinge beeinflussen mich zwangsläufig.

Für Ihr letztes Studioalbum „Paris“ haben Sie mit Quincy Jones und Charles Aznavour, zwei Ikonen der Musikbranche, zusammengearbeitet. Konnten Sie von den beiden etwas lernen?

Zaz: Selbstverständlich waren das großartige und bereichernde Begegnungen, eine einmalige Erfahrung. Aber ich lerne auch aus zufälligen Begegnungen mit Men- schen, die keine Ikonen sind.

Sie sind in Tours geboren, haben in Bordeaux Musik studiert und leben seither in Paris. Warum ist Paris Ihre Stadt?

Zaz: Ich bin meistens auf Reisen, da bleibt ziemlich wenig Zeit, um sich richtig nie- derzulassen. Trotzdem lebe ich in Paris, ich fühle mich als Pariserin. Aber in der Zu- kunft werde ich irgendwann vielleicht mal Japanerin sein oder Montrealerin.

Haben die Terroranschläge Paris verändert?

Zaz: Der Terrorismus verfolgt die Absicht, Chaos und Schrecken zu erzeugen, das ist totale Fortschrittsfeindlichkeit. Wir sollten uns auf keinen Fall verkriechen oder et- was in unserem Leben ändern.

Sind Sie generell eher Optimistin oder Pessimistin, was Europa angeht?

Zaz: Ich bin angemessen pessimistisch. Aber die Debatte ist kompliziert, und ich bin nicht ausreichend mit Argumenten gerüstet, um über dieses Thema zu diskutieren.

Glauben Sie, dass man mit Musik die Welt verändern kann?

Zaz: Pffff, nein, ändern auf keinen Fall. Die Musik glättet Ecken und Kanten und er- laubt uns, für einen Moment auszubrechen.

Sie sprechen kein Englisch. Wie verständigen Sie sich mit Ihren Fans?

Ich möchte aus- balancieren, Kompromisse finden, also bin ich eine diplo- matische Kämpferin.

Zaz: Ich versuche, in jeder Sprache Übersetzungen zu bekommen. Und wenn ich einfache Wörter verwen- de, verstehen die Leute die generelle Bedeutung.

Welche Rolle spielt Social Media wie Twitter und Face- book für Sie?

Zaz: Ich nutze sie. Sie sind praktisch, weil sich Infor- mationen sehr schnell verbreiten. Manchmal viel- leicht auch zu schnell …

Was ist Ihr größtes Talent – außer Singen?

Zaz: Lachen.

Sie unterstützen die Organisation „Colibri“ finanziell. Was erhoffen Sie sich von Ih- rem Engagement?

Zaz: Ein generell größeres Bewusstsein für die gesellschaftliche Situation bei uns, ei- nen besseren Zugang zu Bildung, mehr Respekt vor der Umwelt. Ohne Zweifel sind das für manche Leute Banalitäten, aber in meinen Augen sind das essenzielle Herausforderungen.

Sind Sie ein Kämpfertyp? Oder eher eine Diplomatin?

Zaz: Ich möchte ausbalancieren, Kompromisse finden, also bin ich eine diplomati- sche Kämpferin.

Und wenn im Musikstudio diskutiert wird – wer gibt eher nach, Sie oder Ihr Gegenüber?

Zaz: Ich höre erst mal zu. Ich möchte, dass wir uns gut austauschen. Es hängt wirk- lich vom Diskussionsgegenstand ab, aber ich entscheide schon gern.

Wie würden Sie sich mit drei Worten beschreiben?

Zaz: Spontan, energetisch, leidenschaftlich.

Was ist das Beste am Erfolg?

Zaz: Entscheidungen treffen zu können und zu ihnen zu stehen.

Und was war in Ihrem Leben besser, als Sie noch kein Star waren?

Zaz: Ganz klar: sich freier bewegen zu können.

Sind Sie eher Realistin oder Träumerin?

Zaz: Haha, ich bin absolut keine Realistin.

Sie wohnen in keinem Luxusapartment, Sie fahren keine schicke Limousine. Was ist Ihr persönlicher Luxus?

Zaz: Die Grands Crus aus dem Bordeaux!

Wenn wir uns in zehn Jahren wieder begegnen – wie sieht Ihr Leben dann aus?

Zaz: Sie hören zu viel Schlagermusik von Patrick Bruel!