Kapitel 01 / POLITIK & MARKE

Die

MARKE

EUROPA

ist stark

unter Druck

Ob hoch verschuldete Mitgliedsstaaten, Flüchtlingsdrama, Brexit oder die Handelsabkommen CETA und TTIP – unser Kon- tinent rutscht von einer Krise in die nächste. Trotzdem bleibt Eu- ropa eine Top-Marke, die für Qualität, stabile Verhältnisse und ein freies, friedliches Leben steht, sagt Christian Wulff. Der Ex- Bundespräsident streitet gegen nationale Egoismen – und für euro- päisches Selbstbewusstsein und Einigkeit. Eine Liebeserklärung an die Marke Europa.

FOTOGRAFIN // LAURENCE CHAPERON

ILLUSTRATIONEN // JINDRICH NOVOTNY

AUTOR // CHRISTIAN WULFF, BUNDESPRÄSIDENT A.D.

W

ir erleben im Moment den höchsten Stand an Be- schäftigung in der Geschichte Deutschlands und re- lativ gute wirtschaftliche Eckdaten, also eine enorm erfolgreiche deutsche Wirtschaft. Trotzdem sind die

Menschen in unserem Land so verunsichert wie selten zuvor. Ich habe mich gefragt, wann ich so eine Phase der Verunsicherung schon mal erlebt habe. Das war als Kind, 1968, als meine Eltern, die noch Kriegserfahrung hatten, bei der Invasion russischer Pan- zer in Prag und dem Niederschlagen des Prager Frühlings mit ei- nem Mal Kriegsangst ausstrahlten. Dann erinnere ich Tschernobyl 1986 und die Angst, was das für uns hier in Westeuropa bedeuten könnte. Und ich erinnere die Finanzkrise 2007, als viele Bürger zur Bank gegangen sind und ihr Geld abgehoben haben, um es ins Schließfach zu legen, weil sie den Banken nicht mehr vertrauten. Eine solche emotionale Aufwallung spüre ich auch jetzt gerade, wo für selbstverständlich gehaltene Freundschaften zu unseren Nachbarländern mit einem Mal unter einem ungünstigen Stern zu stehen scheinen und wo Freundschaften zerbrechen könnten.

Ausnahmezustand:

die großen Herausforderungen für Europa

Das Besondere an der Situation im Jahr 2016 ist aus meiner Sicht einerseits, dass die Probleme früher, ob Tschernobyl, Prag oder andere, vor unserer europäischen Haustür stattfanden. Jetzt hingegen klingeln die Probleme an unserer Haustür. Andererseits hatten wir bisher immer nur eine große Herausforderung, die uns betraf. Jetzt erleben wir die Gleichzeitigkeit vieler großer Herausforderungen. Wir erleben die Kehrseite der Globalisie- rung und spüren, wenn wir die Probleme andernorts nicht lösen, dann sind es ganz schnell unsere Probleme hier, und wir haben sie hier zu lösen.

Wer hätte sich 1945 vorstellen können, dass es Jahrzehnte später wieder so viele Flüchtlinge geben würde. Über 60 Millionen Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht. Wer hätte sich nach dem Krieg ausgemalt, dass sich Menschen auf den Weg nach Europa machen, weil sie vermuten, dass sie es hier besser haben oder zumindest Frieden und Sicherheit finden. Wer hätte sich vorstellen können, dass nach der Finanzkrise 2007 die zugrunde liegenden Probleme fortbestehen und durch das billige Geld der Zentralban- ken nur Zeit gewonnen wird. Dazu kommt die Vervierfachung der Erdbevölkerung von zwei auf acht Milliarden Menschen seit 1930. Das hat es niemals zuvor gegeben, und das hat Auswirkungen: Europa hat 500 Millionen Einwohner, Nigeria zum Beispiel hat 190 Millionen. Bevölkerungswissenschaftler prognostizieren, dass dieser afrikanische Staat bald 500 Millionen Einwohner haben wird und vielleicht Ende des Jahrhunderts 700 Mil- lionen – damit hätte ein einziges Land in Afrika mehr Einwohner als ganz Europa. Wer hätte sich vorstellen können, dass der Terror die ganze Welt umfasst, von Ottawa bis Syd- ney, von Burkina Faso bis Westchina. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2016 hat der französische Premierminister Valls vorgetragen, es seien inzwischen 40.000 Opfer durch Terroranschläge des IS zu beklagen, in sage und schreibe 93 Ländern dieser Erde. Und wer hätte sich vorstellen können, dass wir uns wieder mit Grenzverletzungen in Europa befassen müssen, wo doch 1990 das Ende der Geschichte angekündigt wurde, der Durchbruch der Demokratien weltweit. Wo sich 1990 die KSZE in Paris getroffen und vereinbart hatte, Grenzen zu respektieren. Und jetzt, 25 Jahre später, wird das von einzel- nen europäischen Ländern, die, wie zum Beispiel Russland, damals dabei waren, infrage gestellt.

Das Klima in- nerhalb der Gesellschaft muss wieder ein anderes, besseres werden, auch die Art der Auseinanderset- zung.

Gesucht:

das neue europäische Wir-Gefühl

Angesichts dieser Situation kann man die Frage „Ist Europa stark unter Druck?“ nur mit Ja beantworten. Die Unterstützung in der Bevölkerung schwindet, Nationalismus kehrt zurück, die Absetzbewegungen sind unverkennbar, die Solidarität bröckelt. In Frankreich, in Großbritannien, in den Visegrád-Staaten Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn etwa. Dort gibt es zwei Rechts- und zwei Linksregierungen, die sich aber darin einig sind, dass jetzt der Nationalstaat das wichtigste, das zentralste Anliegen ist. In Griechenland regieren Rechte und Linke gemeinsam und sind sich in der Ablehnung europäischer Forderungen ebenfalls relativ einig.

Die vielen Probleme und Konflikte, die es gerade in Europa gibt, führen zu einer Ver- änderung des Klimas auch in Deutschland. Die Radikalisierung ist spürbar, sichtbar, hör- bar: in der Sprache, im Umgang, in der Form der Proteste. Selbst Journalisten bewegen sich inzwischen nicht mehr jenseits rassistischer und feindseliger Angriffe. Das sind neue Stufen, die wir so nicht kennen und die wir so auch nicht brauchen. Das Klima innerhalb der Ge- sellschaft muss wieder ein anderes, besseres werden, auch die Art der Auseinandersetzung. Ein Weg dorthin ist eine Diskussion um unsere eigene deutsche Identität, um die europäi- sche Identität, um die Marke Europa und was sie uns wert ist. Ob wir sie abwählen wollen oder ob wir sie bewusst wählen, verteidigen, vertreten wollen.

Ich glaube, dass wir sehr schnell erkennen, dass Europa eine Erfolgsgeschichte von Si- cherheit, Frieden und Freiheit ist. Dass es eine Verheißung ist. Die Menschen fliehen nicht aus Europa, was ja die allgemeine Verunsicherung erklären könnte, sondern die Menschen flüchten nach Europa, weil sie sich hier etwas versprechen. Deshalb müssen wir in Deutschland die Mitte bewahren, das Miteinander stärken, friedvoll, respektvoll, würde- voll miteinander leben und die Stimmen hören, die uns dazu ermahnen. Nach dem Terror- angriff auf einen jüdischen Supermarkt in Paris hat der aus Mali stammende Moslem Lass- ana Bathily, ein Mitarbeiter dieses Lebensmittelmarkts, erklärt, wir – Muslime, Christen, Juden, Atheisten, Humanisten – säßen alle in einem Boot und sollten gegen die Feinde der Freiheit und unserer Art zu leben zusammenstehen. Dieser so grandiose, direkt nach dem Attentat formulierte Appell dieses Supermarkt-Mitarbeiters sollte uns eine Mahnung sein, den Charakter, den Markenkern Europas nicht zu verändern.

Ein Grund, stolz zu sein:

das Erfolgsmodell Deutschland

Die meiste positive Literatur über Deutschland stammt von Ausländern, ob vom Aus- tralier Christopher Clark, vom Briten Peter Watson oder aktuell vom ehemaligen Leiter des British Museum, Neil MacGregor, der in London eine Ausstellung über Deutschland gezeigt hat. Es sind Ausländer, die uns Deutschen sagen, dass wir gut unterwegs sind, dass wir auf das Erreichte stolz sein können und dass wir erfolgreich sind. Wir stellen 1,2% der Erdbevölkerung, aber manche unserer Marken haben einen Weltmarktanteil von 70%. Von 2.700 Hidden Champions in der Welt, also Unternehmen, die sich in einem bestimm- ten Segment besonders erfolgreich durchgesetzt haben, kommen 1.300 aus Deutschland. Wir haben besondere technische und wissenschaftliche Kompetenzen, etwa in der Mathe- matik und der Messtechnik. Wir haben die duale Berufsausbildung. Wir haben ein Steuer- recht, das es mittelständischen Unternehmen ermöglicht hat, sehr viel Kapital anzusam- meln und dadurch erfolgreich zu werden. Wir haben Weltoffenheit, hohe Sprachkompe- tenz, Neugier, Interesse. Und selbst das scheinbar Negative wird von den Ausländern ins Positive gedreht. Peter Watson sagt, ja, die Deutschen seien technikfeindlich, aber das habe dazu geführt, dass wir nach Alternativen suchten und zum Beispiel bei regenerativen Ener- gien die Besten wären. Natürlich würden wir nörgeln und nölen, aber diese Nörgelei hätte eben auch zum Perfektionsstreben geführt. Die britischen Soldaten, die uns 1945 befreit haben, hatten alle einen kleinen Leitfaden in der Tasche, wie man mit uns Deutschen um- zugehen habe und wie man mit uns klarkomme. Darin stand das schöne Zitat: „Sie wer- den merken, dass Deutsche oft in Wut geraten, wenn auch nur eine Kleinigkeit daneben- geht.“ Oder nehmen wir den Glücksfall unserer Vereinsmeierei. Bei uns gelingt Integration von Fremden und Fremdem relativ gut, weil wir nicht nur eine kommunale Selbstverwal- tung haben, sondern auch extrem viele Vereine und bürgerschaftliches Engagement. In ei- nem Verein lässt sich Sprache am besten weitergeben und erlernen, in einem Verein lässt sich das Miteinander organisieren. All diese Dinge, die wir manchmal beklagen oder uns vorwerfen, sind eigentlich große Standortvorteile.

Wir Deutschen können stolz darauf sein, wo wir heute stehen, und das auch offen sa- gen. Aber wir müssen vor allem begreifen, dass wir durch Europa nichts von all dem auf- geben mussten oder infrage gestellt sehen. Und wir werden auch nichts von all dem aufge- ben müssen, wenn weitere Fremde zu uns kommen. Diese Ängste sind weitgehend irratio- nal. Wir Deutschen dürfen auch nicht vergessen, dass uns vom Ausland häufig verziehen, vergeben und geholfen wurde. Und dass wir viel partizipiert haben. So mancher Nobel- preisträger hat ausländische Wurzeln, wie der rumäniendeutsche Physiker Stefan Hell. Die Schlagersängerin, die den deutschen Schlager gerettet hat, hat ausländische Wurzeln – He- lene Fischer hieß bei Geburt Jelena Petrowna. Ohne Mesut Özil, Miroslav Klose, Lukas Podolski, Sami Khedira, Jérôme Boateng wären wir bei der Fußball-WM vermutlich in der Vorrunde ausgeschieden. Die Menschen müssten eigentlich erkennen, dass die Bereiche- rung durch andere Länder, Regionen und damit auch andere Vornamen wie Mesut, Sami, Miroslav oder Jérôme heute selbstverständlich ist und dass wir gut damit gefahren sind, uns so offen – grenzoffen und weltoffen – zu entwickeln. Aber nicht nur wir profitieren und lernen von anderen Ländern, andere Länder lernen auch von uns. Bei einem Kongress in China etwa hat der chinesische Staatspräsident gesagt: „Wir Chinesen können von der deutschen Industrie 4.0 lernen. Wir müssten von den Deutschen lernen, wie man am intel- ligentesten Krebse isst“, war sein Beispiel. Er sagte, seine Landsleute würden in der Regel ein großes Stück Krebsfleisch herausbrechen, genussvoll verzehren und den Rest wegwer- fen. Die Deutschen würden mit Akribie, Technik und dem entsprechenden Gerät auch das Letzte aus jedem einzelnen Krebs herausholen und aus dem Rest noch Suppe machen. Wer immer ihm das erzählt hat: Darin stecken eine hohe Wertschätzung und ein großer Re- spekt vor dem Industriestandort Deutschland mit seiner Mechatronik, Robotik, Mikro- elektronik. Wenn unserem Land so viel Anerkennung entgegengebracht wird, haben wir allen Anlass zum Optimismus.

Europa und die anderen:

Umdenken ist gefragt

Zum Trübsalblasen und zur Furcht haben wir jedenfalls keinen Anlass, wenn wir wei- ter unseren Weg über Europa gehen und uns weiter als ordentliches Mitglied in Europa verhalten. Und wenn Europa mit ähnlich energischer Entschlossenheit seine bis dato unge- lösten Probleme angeht. Nämlich zum einen eine echte Nachbarschaftspolitik zu betreiben – mit den Russen, mit den Türken, mit den Afrikanern – und zum anderen die Vergangen- heit zu überprüfen und etwa die Folgen der Kolonialzeit oder die Folgen aus dem Ersten Weltkrieg für den Nahen und Mittleren Osten ernster zu nehmen. Also ein bisschen mehr Empathie und Interesse an internationaler Politik zu entwickeln. Wir haben nämlich ganz schön häufig den eigenen Bauchnabel ernster genommen, als die Welt in den Blick zu nehmen.

Die Stimmung in Europa muss eine bessere werden und die Politik muss eine ernstere werden. Wir müssen Konflikte nicht nur im Sinne von Friedensprozessen bereden, sondern wir müssen diese Prozesse wieder in Richtung von Friedensverträgen fokussieren – auf Ab- schlüsse, auf Ergebnisse, auf Erfolge. Es hat früher sehr viele Friedensverträge gegeben, jetzt gibt es immer nur Friedensprozesse. Es hat früher das Bemühen aller gegeben, zum Er- gebnis zu kommen, jetzt vertagt man sich von Krisenkonferenz zu Krisenkonferenz und von Sicherheitskonferenz zu Sicherheitskonferenz. Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir wieder über Prinzipien zur Übereinstimmung kommen, wie sie nach dem Dreißigjährigen Krieg 1648 mit dem Westfälischen Frieden gefunden wurden: Nichteinmischung in innere Angelegenheiten fremder Staaten und das Gleichgewicht der Kräfte.

Der Nationalstaat ist wichtig, ganz ohne Zweifel. Wir Deutschen wollen uns weiter als Deutschland positiv entwickeln. Aber wenn jetzt Peter Sloterdijk, Rüdiger Safranski oder Gertrud Höhler allerorts verkünden, Deutschland würde abdanken, sich dem Über- rolltwerden preisgeben und sich selbst zerstören, dann ist das schlichte Panikmache. Und es übersieht, dass die ganz großen Fragen unserer Zeit entweder gemeinsam lösbar sind oder gar nicht. Etwa in der Finanzpolitik, wo es als Gegengewicht zu Amerika und Japan ein starkes Europa mit Stabilität und Solidität braucht. Bei der Bekämpfung des Terroris- mus, wo man den Datenabgleich in Europa perfektionieren und gemeinsam an die Aufga- ben herangehen muss. Es ist doch völlig absurd, dass jeder Nationalstaat im Alleingang Terroristen bekämpfen will, die global unterwegs sind. Und bei kriegerischen Gefahren müssen wir sowohl die Beschaffung der Verteidigungsarmeen gemeinsam organisieren als auch die Strategie zusammenführen. Und schließlich braucht es auch bei der Vermeidung von Völkerwanderungen eine europäische Strategie gegenüber Afrika, der Türkei oder Russland und nicht einzeln agierende Nationalstaaten, die ihre eigenen Geschäfte machen.

Wir brauchen neue europäische Politikkonzepte. Um nur ein Beispiel anzuführen: In Griechenland gibt es bislang weniger Sonnenenergie als in Baden-Württemberg. Dass in Deutschland trotzdem gesagt wurde, wir wollen, dass in der marokkanischen Wüste Son- nenenergie für Europa gewonnen wird, das war so eines dieser völlig falsch angesetzten Konzepte. Weil die Afrikaner natürlich Sonnenenergie gewinnen, aber dann vor allem auch für Afrika nutzen sollen. Von Afrika aus mit europäischer Hilfe ein Konzept zu entwickeln, also von Europa aus paternalistisch, fast kolonial in Afrika mitzudenken und das für Euro- pa zu nutzen, ist eines dieser vielen falschen Politikkonzepte, die uns nicht wirklich weiter- gebracht haben. Mein Vorgänger Horst Köhler hat immer wieder vor den Bildern im Kopf gewarnt, die wir bezüglich Afrikas mit uns herumtragen. Dass man in Europa bei Afrika immer an die Begriffe mit dem Anfangsbuchstaben „K“ denke: Krisen, Konflikte, Kriege, Katastrophen, Krankheiten, Korruption. Der verstorbene Schriftsteller Henning Mankell hat gesagt, wir wüssten in Europa alles darüber, wie Afrikaner sterben, aber nicht, wie sie leben. Da ist viel dran. Es gibt in Afrika einige Länder, die erfolgreich unterwegs sind. Vier der am stärksten wachsenden Volkswirtschaften finden sich auf diesem Kontinent. In Afri- ka entstehen gerade Demokratien wie Tunesien, das zur Schweiz Afrikas werden könnte. Es gibt Bestrebungen in Ländern wie Algerien und Marokko, voranzukommen. Daran müssten wir viel mehr Interesse zeigen. Äthiopien hatte vor 35 Jahren 25 Millionen Ein- wohner, jetzt sind es fast 90 Millionen. Wenn wir die Probleme dort nicht mit angehen und keine Empathie entwickeln und Unterstützung zeigen – und dabei denke ich nicht an Ent- wicklungshilfe, sondern ich denke an wirkliche bilaterale Beziehungen unter Einbeziehung der Wirtschaft, wo man etwas verlangt, aber dann auch für das, was man verlangt, etwas gibt –, wird diese Welt nicht so friedlich bleiben.

Die Stimmung in Europa muss eine bessere werden und die Politik muss eine ernstere werden. Wir müssen Konflikte nicht nur im Sinne von Friedensprozessen bereden, sondern wir müssen diese Prozesse wieder in Richtung von Friedensverträgen fokussieren – auf Abschlüsse, auf Ergebnisse, auf Erfolge.

Für eine bessere Zukunft:

die anderen als Partner sehen

Stellen Sie sich die Welt einmal als ein Haus vor, mit acht Milliarden Bewohnern. Das Zimmer Deutschland im europäischen Trakt, das Zimmer Russland, das Zimmer China, die Zimmer der afrikanischen Länder – stellen Sie sich vor, wie viele Leute in den Zimmern untergebracht sind, wie sicher sie sind, wie sie ausgestattet sind. Und stellen Sie sich dann vor, dass jede und jeder dieser acht Milliarden dank moderner Medien zu jeder Zeit über jeden alles wissen kann und von ihm alles erfährt, wenn er etwas erfahren will. Das war vor 50 Jahren noch anders, aber heute sehen die Menschen in den anderen Zimmern über Sender wie ProSieben und SAT.1 die Werbung für Festtagsmenüs für Katzen und machen sich so ihre Gedanken über den Wohlstand, den es in Deutschland, in Europa scheinbar gibt. Ein Selfie erreicht die ganze Welt innerhalb von Zehntelsekunden. Und natürlich ist es für jemanden aus Marokko, der seinen König nicht mal aus der Ferne zu sehen bekommt, eine beeindruckende Erfahrung, dass in Deutschland die Kanzlerin persönlich kommt und fragt, was man für ihn tun könne. Natürlich haben solche Bilder, die sozialen Netzwerke und der Stil, wie bei uns miteinander umgegangen wird, wie aufeinander reagiert wird, eine Auswirkung auf diese Welt. Aber die erstarkenden Staaten in Afrika können sehr wohl ih- ren Bevölkerungen, ihren jungen Leuten Signale geben, dass es sich lohnt, dazubleiben, dass es sich lohnt, dorthin zurückzukehren, wenn wir ihnen fair und partnerschaftlich begegnen.

Wir müssen Politik und Wirtschaft in diesen Ländern schneller und effektiver voran- kommen lassen, sonst sind wir mitschuldig an mancher Entwicklung, die dann ganz auto- matisch hier zu unserem Problem wird. Auch am aufkommenden Nationalismus in der Türkei sind wir Europäer ein Stück weit mit schuld, weil wir die Türkei die letzten Jahr- zehnte nicht ernst genug genommen haben als einen wachsenden Faktor in der Weltwirt- schaft und einen notwendigen Partner für Europa. Die Türkei wird aber eine Funktion be- kommen, wie Mexiko sie für Amerika hat. Zwischen Südamerika und den Vereinigten Staaten von Amerika spielt die Nord- und Südgrenze Mexikos eine große Rolle für eine ge- regelte Zuwanderung. Und nur wenn die geregelt verläuft, findet sie auf Dauer Akzeptanz bei der Bevölkerung. Diese Rolle wird die Türkei einnehmen, ob wir das wollen oder nicht, weil wir ansonsten der Probleme nicht Herr werden. Es sei denn, wir würden mehrheitlich das Errichten von nationalen Grenzen und Grenzkontrollen wiederhaben wollen.

Europas größte Schätze:

Freiheit und Frieden

Bei der letzten Sicherheitskonferenz sagte mir mein Freund Miro Kova, inzwischen Außenminister Kroatiens, abends um Viertel nach neun, er fahre jetzt noch zu seiner Fami- lie nach Zagreb. Ja, noch ist das möglich, dass er durch Österreich und Slowenien bis nach Zagreb fährt und nach wenigen Stunden zu Hause ist. Aber wenn wir wieder nationale Grenzen in Europa haben, dann werden wir wieder Tage unterwegs sein zwischen den eu- ropäischen Staaten und in langen Staus am Brenner oder anderswo stehen. Ich glaube, dass wir uns bewusst sein müssen, dass dieses offene Europa etwas ist, das man verteidigen soll- te – mit den offenen Grenzen für 500 Millionen Menschen, mit der Freizügigkeit für Güter, Waren, Dienstleistungen, für Arbeitnehmer und Unternehmer. Auch wenn da über Verord- nungen manche Problematik entsteht, etwa, dass die Etikett-Hinweise in den Socken dem- nächst in 24 Sprachen erscheinen müssen. Ich denke, es hat einen unglaublichen Vorteil, ei- nen solchen gemeinsamen Raum zu haben, in dem die Menschen frei leben. Und es hat mich bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar emotional getroffen, dass der neue polnische Präsident dort einerseits beim Aufzählen seiner Nachbarn Deutschland hin- ter Weißrussland nannte und damit quasi eine Äquidistanz zu den Nachbarn erkennen ließ – und auf der anderen Seite mehr Truppen der NATO in Polen seine Hauptforderung war. Er brachte rüber, dass wir doch alle in einem Boot sitzen. Aber dass wir, wenn wir uns ge- meinsam verteidigen und gemeinsam in der Welt auftreten, auch füreinander da sein müs- sen, dass dieser Zusammenhalt dann auf alle Politikfelder ausgedehnt werden muss, diesen logischen Schluss hat der polnische Präsident nicht vollzogen. Genau das wird aber dem- nächst von den Bürgern eingefordert werden. Denn füreinander einstehen heißt gerechte Lastenverteilung bei allen Fragen, die uns betreffen. Beispielsweise bei der Flüchtlingsfrage. Auch bei Verhandlungen über Klimaschutz, Genmais oder freien Handel sind National- staaten komplett überfordert. Das sind Themen, die europäisch gehen oder gar nicht ge- hen. Und ich weiß, dass viele die Frage von Krieg und Frieden für eine falsche Fragestel- lung halten, weil der Frieden auf Dauer gesichert und den Menschen nicht mehr so wichtig sei. 1922, und das ist nicht einmal 100 Jahre her, hat Richard Coudenhove-Kalergi gesagt: „Das kontinentale Europa von Portugal bis Polen wird sich entweder zu einem Überstaat zusammenschließen oder noch im Laufe dieses Jahrhunderts politisch, wirtschaftlich und kulturell zugrunde gehen.“ Elf Jahre später kamen die Nazis, und wir dürfen die Zeit von 1933 bis 1945 niemals vergessen, wenn wir über Europa reden.

Wenn man sich die letzten 100 Jahre anschaut, dann sehen wir in der ersten Hälfte zwei Weltkriege, die Welt- wirtschaftskrise, die Währungsreform, den Zivilisations- bruch des Holocaust, Nationalsozialismus, Kommunis- mus. Die zweite Hälfte brachte Frieden, Freiheit, Demo- kratie, Rechtsstaatlichkeit, die Einheit Europas – ja, erst seit 25 Jahren haben wir Frieden, Freiheit, Demokratie und Einheit. Das ist nicht gottgegeben, das ist nicht selbstverständlich. Wir alle werden später von unseren Kindern gefragt werden: „Was habt ihr damals gemacht? 2016, wie habt ihr euch verhalten, wie habt ihr euch ein- gebracht, was habt ihr getan, was habt ihr angestoßen, wie habt ihr euch eingesetzt?“ Dann hoffe ich, dass unse- re Kinder sagen: „Das habt ihr gut gemacht. Ihr habt im- merhin etwas gemacht.“ Denn immer nur zu sagen, es muss sich etwas ändern, davon ändert sich nichts. Man muss etwas tun, damit sich etwas verändert. Man muss die Menschen nehmen, wie sie sind, aber muss die Welt nicht so lassen, wie sie ist. Über 1914 gibt es das Buch „Die Schlafwandler“, über die, die alle in den Ersten Weltkrieg getorkelt sind, über 1919 „Die Friedensma- cher“. Auch über 2016 wird es später ein Buch geben. Das wird entweder heißen „Die Ängstlichen“, „Die Ego- isten“, „Die Furchtsamen“ – oder es wird heißen „Die Mutigen“, „Die Anpacker“, „Die Erkennenden“, „Die Problemlöser“, „Die globalen Weltbürger“. Ich finde, es muss unser Interesse sein, dafür zu sorgen, dass die Ent- wicklung in der zweiten Hälfte der letzten Hundert Jahre jetzt über hunderte Jahre Fortsetzung findet und nicht in Gefahr gerät, weil wir in Nationalismus verfallen und uns wieder zurückbewegen.

E

U

Das Erbe der Geschichte:

Europa als Vorbild

Es passiert viel Positives. Dank Verhandlungen ist der Iran wieder auf dem Weg in die Völkerfamilie. Wir haben mit der Ukraine Abkommen, die nur durch das Verhandeln von Deutschland, Frankreich, Russland und der Ukraine erreichbar waren. Die USA und Russ- land reden wieder intensiver miteinander. Wir haben durch deutsche Diplomaten einen Friedensschluss in Libyen erreicht. In Afghanistan gingen vor zwanzig Jahren eine Million Kinder zur Schule, jetzt sind es acht Millionen. Damals waren es zu 100% Jungen, jetzt sind 40% Mädchen unter den Schülerinnen und Schülern. Es gibt also Entwicklung. Auch die Globalisierung taugt nicht als Feindbild: Nie war die Versorgung mit Wasser und Le- bensmitteln so gut und die Kindersterblichkeit so gering wie jetzt. Es geht in die richtige Richtung, wenn zum Beispiel in Indien, China und anderswo ein Mittelstand entsteht. Es besteht also kein Anlass, Trübsal zu blasen, aber Europa muss seine Verantwortung in der Welt weiter wahrnehmen und für mehr Stabilität und Sicherheit sorgen – und vor allem zusammenspielen.

Sicher, wir werden quantitativ an Bedeutung verlieren. Europa hat einmal 20% der Weltbevölkerung gestellt, diese Zahl wird unter fünf  % fallen. Aber qualitativ können wir anderen Teilen der Welt ersparen, was wir hier auf blutgetränktem Boden erlebt haben, etwa Religionskriege wie den Dreißigjährigen Krieg. Wir können sagen, bei uns gilt die Menschenwürde, bei uns werden Grenzen akzeptiert, bei uns geht die Macht vom Volke aus. Spät und schmerzhaft haben wir aus Wirrungen und Irrungen der Geschichte gelernt, und heute denken Deutschland und Europa nicht klein, sondern bieten sich der Welt an – als Beispiel, wie es geht. Wir gehen nicht den Weg, Probleme kleinzureden. Wir gehen aber auch nicht den Weg der Abschottung, der Erstarrung, der Verhärtung, der Mutlosigkeit, der Angst vor Fremden und Fremdem. Papst Franziskus hat jüngst in einem völlig anderen Zusammenhang gesagt, es sei falsch, falsch verstandenes Gutmenschentum zu betreiben und Wunden einfach nur zu verbinden, ohne sie vorher zu behandeln. Es sei aber genauso falsch, sich abzuschotten, zu erstarren. Der Weg dazwischen sei klug zu gehen – zwischen Erstarrung und falsch verstandenem Gutmenschentum. Ich denke, unser Bundespräsident Joachim Gauck hat einen sehr klugen Satz gesagt: „Unsere Herzen sind weit offen, aber unsere Möglichkeiten sind endlich.“ Das ist das, was alle spüren, und daraus ergibt sich ein großer Spielraum: weltoffen zu sein, offen zu sein, freundlich, barmherzig, solidarisch zu sein und dann aber auch zu sagen, es müssen uns andere helfen, die Probleme mit zu lö- sen. Wir müssen in Europa die Probleme verteilen und gemeinsam tragen. Wir müssen ge- meinsam unsere Außengrenzen sichern, damit dieser Flüchtlingsstrom abebbt. Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass die Menschen im Umland von Syrien und des Irak versorgt werden und dann ihr Land wieder aufbauen können, wenn Frieden herbeigeführt ist. Jede und jeder Einzelne in Europa muss sich fragen, ob er Teil der Lösung oder Teil des Pro- blems ist, ob er mit den historischen Erfahrungen Europas, mit der Aufklärung, der Säku- larisierung, der bürgerlichen Revolution, unseren Werten wirklich eins ist und sie lebt und vertritt – oder ob er sie beim ersten kleinen Sturm über Bord wirft.

Glaubensfreiheit:

Was Europa bewegen kann

Es ist eine zivilisatorische Errungenschaft, dass in Eu- ropa inzwischen jeder glauben kann, was er will, und kei- ner glauben muss, schon gar nicht das, was der Landes- herr vorgibt. Das hat über Jahrhunderte in Europa zu Auseinandersetzungen geführt, und vor denen steht jetzt die islamische Welt. Wir können selbstbewusst sagen: „Hier ist es möglich, dass Synagogen, Moscheen und Kir- chen nebeneinanderstehen.“ Das kann auch in der Türkei gehen, auch in der arabischen Welt, in Afrika. Wir haben die Bereitschaft, aus der Geschichte zu lernen, und kön- nen die Erfahrung an andere weitergeben. Japanische Freunde schrieben mir in den letzten Tagen, dass sie sehr beeindruckt waren von dem Bild im Reichstag, wo die In- schriften russischer Soldaten beibehalten wurden. Ein Ja- paner würde sagen: „Wenn uns einer besiegt oder befreit oder erobert oder in der Hauptstadt die rote Flagge hisst, werden wir wahrscheinlich als Erstes die Inschriften besei- tigen, sobald wir die Gelegenheit dazu haben.“ Aber das ist eine typisch deutsche Erfahrung vor dem Hintergrund unserer dunkelsten Zeiten der Geschichte. Dieses Wissen

aus Kriegen, aus Konflikten der Welt weiterzugeben und als Europäer zu lernen, steht auf dem Spiel, wenn man jetzt sagt, wir sind hier nur für Christen, wir sind nicht für andere Religionen offen. Dann kann man aufhören, in der Türkei für die christliche Minderheit zu werben, das ist dann nicht mehr glaubwürdig. Wenn man hier aber offen ist, wenn man hier bereit ist, miteinander zu leben, unter Akzeptanz unserer Werte durch alle, dann kann man das auch von anderen fordern.

Für mich ist der Markenkern Europas die Freiheit, die Freiheit der Meinung, der Pres- se, der Religion, der Religionsausübung, die Freiheit des Gewissens – und das gegenüber jedermann in jeder Phase, egal welcher Religionsgemeinschaft er angehört. Und diejenigen, die auf Demonstrationen für unsere Verfassung zu streiten scheinen und gegen den Unter- gang des Abendlandes, die seien daran erinnert, dass laut Grundgesetz die Menschenwürde für alle gilt. Und dass dort die Religionsfreiheit als Grundrecht manifestiert ist. Ich habe den Eindruck, mancher in unserem Land demonstriert, ohne jemals in das Grundgesetz hineingesehen zu haben. Und natürlich schaut die Welt und schauen wir alle auf Wahler- gebnisse, wie dort links- und rechtsextremistische Parteien abschneiden. Und natürlich ist es unser aller Aufgabe, dafür Sorge zu tragen, dass die demokratische Mitte in Deutsch- land, die verfassungspatriotische Mitte, gestärkt wird und erhalten bleibt und es nicht wie- der zum Aufschaukeln von Polen mit der entsprechenden Radikalisierung kommt.

Eine Frage der Perspektive:

Wie belastbar ist Europa?

Am Ende wird sich keiner einer gemeinsamen Konfliktbewältigung entziehen können. Genau da steckt die große Chance des jetzigen Handlungs-, Zeit- und Problemdrucks. Es ist immer auch eine Chance, wenn ein Wettbewerber Druck macht, indem er etwas Neues auf den Markt bringt, wenn wir in der Erziehung mal Druck machen, wenn Sportler vom Trainer mal Druck bekommen, das kann durchaus positive Ergebnisse zeitigen. Und viel- leicht ist es auch kein Menetekel, dass wir jetzt gerade mal etwas mehr gefordert sind, als wir die letzten 25 Jahre gefordert schienen. Vielleicht macht es uns wieder ein bisschen po- litischer, dass wir sagen: „Das lasse ich nicht einfach so laufen, das nehme ich nicht einfach hin, nach dem Motto ,Es wird schon alles gut‘.“ Sondern vielleicht reden wir mit unseren Kindern, unseren Großeltern, Eltern, Verwandten, Freunden, unseren Kollegen über die Frage, was Europa ausmacht und was Europa schultern kann. Ich wundere mich ehrlich gesagt über unsere Diskussion diesbezüglich. Ich war in Jordanien, im Libanon und ande- ren Ländern in der Region. Jordanien hat fünf Millionen Einwohner und 1,3 Millionen Flüchtlinge. Ich war im letzten Jahr in der Flüchtlingsstadt Zaatari. Dort leben 90.000 Flüchtlinge, wo vor drei Jahren nur Wüste war. Jordanien ist eines der wasserärmsten Län- der der Erde, da gibt es ein Zehntel des Wassers, das wir hier pro Kopf zur Verfügung ha- ben, und die teilen es mit 20% mehr Menschen. Libanon hat 1,2 Millionen Flüchtlinge und 4,8 Millionen Einwohner, auch das sind 20% mehr Menschen als vor drei, vier Jah- ren. Und die Libanesen schultern das. Ich muss ehrlich sagen, die Anerkennung für diese Länder ist bei mir immer mehr gestiegen. Und auch das Entsetzen über unser Europa ist ein bisschen gestiegen, denn bei 500 Millionen Europäern könnten wir drei Millionen Flüchtlinge für eine gewisse Zeit sehr wohl aufnehmen und ihnen die Sicherheit gewähren, dass sie ihr Land später wieder aufbauen können oder aber hier integriert werden. Eigent- lich ist es für Europa ein großes Armutszeugnis, dass wir vor solchen Zahlen zurückschre- cken, wenn die Türken allein seit Jahren 2,5 Millionen Flüchtlinge in ihrem Land versor- gen. Das bietet Anlass, nachzudenken.

Und ich habe Gorbatschow mal gesagt: „Lieber im eigenen Land unbeliebt sein und in der Welt Großes geleistet haben, als im eigenen Land beliebt sein und in der Welt nur Schaden und Unheil angerichtet haben.“

Visionen wagen:

der Mut zu großer Politik

Viele Politiker fragen wie so oft: „Was kommt denn an, was ist denn in, und ist das denn populär, so für Europa zu streiten, für das Multikulturelle, Multiethnische, Multireli- giöse?“ Große Europäer haben nie gefragt: „Kommt das an, ist das populär, ist das be- liebt?“, sondern sie haben gefragt: „Was ist gut für Europa, was ist gut für die Welt, was ist in dieser Situation geboten?“ Ich könnte heute noch auf die Knie fallen vor einem Wins- ton Churchill, der nach zwei Kriegen mit Deutschland, in denen Großbritannien bombar- diert wurde, 1946 an der Züricher Universität gesagt hat, wir bräuchten die Vereinigten Staaten von Europa und in diesen Vereinigten Staaten müssten Deutschland und Frank- reich eine entscheidende Rolle spielen. Das hat ihn in Großbritannien total unpopulär ge- macht, die Briten fanden es überhaupt nicht in Ordnung, dass er nach dem Zweiten Welt- krieg so stark auf Deutschland und Frankreich setzte. Und als die polnischen Bischöfe 1965 ihren Amtsbrüdern in Deutschland einen Brief schrieben mit dem phänomenalen Satz „Wir vergeben und bitten euch um Vergebung“, fanden das die Polen nicht witzig, dass die polnischen Bischöfe den Deutschen aus ihrer Sicht so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg sagten, sie vergäben uns den Angriff auf Polen und bäten um Vergebung für die Verbrechen der Vertreibung. Aber solche mutigen, solidarischen Leute haben Europa mög- lich gemacht. Wie Papst Johannes Paul II., der gesagt hat: „Fürchtet euch nicht, kämpft für die Freiheit, widersetzt euch den Unterdrückern.“ Das hat Frieden und Einheit und Demo- kratie in Europa möglich gemacht. Oder nehmen wir Gorbatschow, der in Russland heute noch unbeliebt ist, weil er nach Ansicht der Menschen dort den Wandel vom großen So- wjetreich zur kleinen russischen Föderation zu verantworten hat. Aber wir Deutschen kön- nen diesem Mann immer wieder nur dankbar sein, dass er gesagt hat: „Das Selbstbestim- mungsrecht der Völker ist für mich mehr wert als Sympathie in meinem eigenen Land. Wenn die Deutschen wiedervereinigt werden wollen, dann sollen sie die Möglichkeit ha- ben.“ Und ich habe Gorbatschow mal gesagt: „Lieber im eigenen Land unbeliebt sein und in der Welt Großes geleistet haben, als im eigenen Land beliebt sein und in der Welt nur Schaden und Unheil angerichtet haben.“

Wir sollten nicht immer fragen, warum macht das diese Politikerin oder dieser Politi- ker, obwohl es ihr oder ihm doch schadet oder gar nicht gut ankommt. Die wirklich gro- ßen Dinge passieren häufig, wenn ein Einzelner mal eine Position vertritt, die die Mehrheit überhaupt noch nicht vertritt, aber er recht haben könnte. Zur Quelle des Flusses kommt man nur, wenn man gegen den Strom schwimmt. Wenn man mit dem Strom schwimmt, landet man irgendwo im offenen Meer und geht da unter. Von daher ist mein Wunsch an jeden Einzelnen, den eigenen Kopf zu gebrauchen, den klaren Kopf zu bewahren und sich ein bisschen aus seiner eigenen Lebenserfahrung heraus für Multikulturalismus, für multi- ethnisches, multireligiöses Zusammensein einzusetzen. Weil uns das erfolgreich machen und die Welt einen kann, Frieden in der Welt herbeiführen kann. Auch wenn es nicht po- pulär ist, auch wenn es mutig ist, auch wenn es erst mal Ängste verbreitet.

Zum Verlieben:

die Top-Marke Europa

Es hat über Jahrhunderte ein Miteinander von Sunniten und Schiiten gegeben, auch in der arabischen Welt. Wenn es da jetzt Probleme gibt, dann kann man auch Hilfe anbieten, etwa durch islamischen Religionsunterricht an deutschen Universitäten und einiges mehr. Weil damit einer Religion auch geholfen werden kann, in die Moderne, in die Neuzeit zu finden. Ich bin davon überzeugt, Muslime verändern unser Land weniger, als dass wir Muslime verändern. Ich erlebe immer mehr Muslime in Deutschland, die mit einem ganz starken Verfassungspatriotismus für unser Land streiten, da müssen Sie nur in die Bundes- wehr schauen. Ohne die vielen türkischstämmigen Soldaten wäre die Bundeswehr nicht so leistungsfähig und leistungsstark. Und wir erleben dort überall täglich erfolgreiche Beispie- le gelungener Integration, die aber schnell vergessen werden, wenn man auf allgemeinen Angstthemen unterwegs ist.

Der 81. Spruch bei Laotse lautet: „Wahre Worte sind nicht schön, schöne Worte sind nicht wahr.“ Wenn man das nur mal für die politischen Debatten der letzten Monate be- rücksichtigt und sich sagt, vielleicht sind die Worte, die wir als unschön empfinden, wahr, und die Worte, die wir gerne hören und schön finden, vielleicht gerade nicht wahr. Dann sieht man die Nachrichtenflut plötzlich mit ganz anderen Augen, weil man mit einem Mal spürt, dass wir uns keine Meinung allzu vorschnell bilden sollten, sondern dass wir uns un- sere Meinung anhand von Fakten, Betrachtungen und Sichtweisen bilden sollten, die wir in Europa in letzter Zeit ein wenig vergessen haben. Die europäische Hymne von Beetho- ven mit Schillers Text heißt „Ode an die Freude“. Und die Freude an diesem Europa, in dem wir leben, die dürfen wir uns von niemandem abspenstig machen lassen. Wenn man sich abends vor dem Einschlafen fragen würde: In welcher Zeit hätte ich leben wollen und an welchem Platz der Erde würde ich leben wollen? Dann bin ich ziemlich sicher, dass man sagen würde: In der jetzigen Zeit möchte ich leben und in diesem Europa.

Wenn ich so die Medien sehe, dann denkt man ja, Europa ist die erfolgloseste Veran- staltung, die historisch je versucht wurde. Aber wenn man in der Welt herumreist und zu- rück nach Europa kommt, dann erkennt man, dass Europa gelungen ist. Eine super Quali- tätsmarke, die verteidigt und wirkungsvoll und offensiv vertreten gehört. Für die Men- schen begeistert werden sollten. In die die Menschen das Vertrauen behalten sollten und in die sie verliebt sein sollten. Wir sollten stolz auf die Marke Europa sein!