Kapitel 02 / INNOVATIONSMANAGEMENT & DIGITALE VISIONEN

2.0

Futurismus

Mann mit Weitblick: Zukunftsforscher Matthias Horx.

Zukunft gestaltet sich ganz anders, als die meisten bislang glaubten, behauptet der renommierte Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx. Ein erhellender Blick zurück auf den fundamenta- len Wandel der Zukunftsforschung in den letzten Jahren – und ein optimistischer Blick nach vorn.

FOTOGRAF // KLAUS VYHNALEK

AUTOR // MATTHIAS HORX, PROGNOSTIKER, PUBLIZIST, VISIONÄR

FUTURE

1.0

In seinem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch „Superforecasting – Die Kunst der richtigen Prognose“ hat der Publizist Philip E. Tetlock herausgearbeitet, wie man die Zukunft besser voraussagen kann. Tetlock verglich über Jahrzehnte die Prognosen von Experten, „Futuristen“ und Laien, die sich mit differenzierten Methoden an die Kunst der Vorausschau wagten. Seine „Super-Vorhersager“ – also diejenigen mit den besten Trefferquoten – waren Menschen, die mit einer Kombination aus Zweifel, gesundem Menschenverstand und Komplexitätsdenken an die Zukunft herangingen. Eine der wich- tigsten Eigenschaften war Selbstdistanz: die Fähigkeit, den eigenen Mind-Set ständig zu hinterfragen und neu zu konfigurieren.

Aus Tetlocks Arbeit lassen sich viele Schlüsse für die weitere Entwicklung der Zu- kunftsforschung ziehen. Der wichtigste lautet: Man sollte nie den „Standardmodellen“ glauben! Also jenen supertechnischen Zukunftsklischees, die heute haufenweise in jeder Zeitschriftenbeilage und auf jeder aufgeregten Digitalkonferenz verbreitet werden. Die wahre Zukunft wird ganz anders!

Es gibt grundsätzlich zwei Arten,

die Zukunft mental zu konstruieren.

Die eine kann man im traditionellen Sinn futuristisch nennen. Ihre Grundthese: Alles beschleunigt sich, das Kommende wird ausschließlich von den Kräften der Technologie geformt. Zukunft besteht in dieser Konstruktion – ich möchte sie Futur 1 oder „lineare Zukunft“ nennen – aus der Ablösung und Überwindung des Alten (Heutigen) durch das ganz und gar Neue. Die erregende Parole dafür lautet auf jeder Zukunftskonferenz: Nichts wird mehr so sein wie früher! Alles wird sensationell anders!

Die Tradition dieser Denkweise stammt aus dem Mythos der frühen Industriegesell- schaft mit ihrem unerschütterlichen Glauben an die ewige Beschleunigung und die funk- tionalistische Wissenschaft. Albert-László Barabási, der Physiker und Netzwerktheoreti- ker, schrieb in seinem Buch „Linked“: „Hinter den meisten wissenschaftlichen Ansätzen des 20sten Jahrhunderts steht die Idee des Reduktionismus. Um Natur zu verstehen, so heißt es, müssen wir sie in ihre Einzelteile auseinander nehmen. Die Vermutung lautet, dass wir, wenn erst alle Teile genau kennen, das Ganze verstehen.“

Futur 1 zerlegt den Zukunftsprozess in lineare Prozesse. Man rechnet gradlinig hoch, welche heutigen Trends das Morgen unwiderruflich prägen werden. Wir fahren auf saube- ren Schienen in die Zukunft. Dort, am Horizont, lauern und locken die großen Sensatio- nen: fliegende Autos, universelle Computer, intelligente Roboter. Das semantische Web, das in Milliarden von Toastern und Waschmaschinen künstliche Netzintelligenz prozes- siert. Neurotechnologische Hirnimplantate. Genetisches Editieren!

In Futur 1 ist die Frage nach der Zukunft des Menschen ziemlich schnell beantwor- tet: Wir sind nicht so wichtig! Wir müssen uns anpassen an das, was kommen muss – weil es uns die Technik vorschreibt. Was wir in unserer analogen, biologischen, „schmutzigen“ Nische tun, interessiert die Zukunft nicht wirklich. Liebeskummer? Scheidungskrisen? El- ternleid? Nichts als Funktionsstörungen einer unfertigen Gegenwart. Restbestände von „Meat Space“, der alten, analogen Welt. Die Zukunft wird all das überwinden, zugunsten einer immer höheren Funktionalität des Menschen in einem technischen Kosmos.

FUTURE

2.0

Rekursion und Reflexivität:

der Unterschied der Zukunftsmodelle

Futur 2 dagegen konstruiert Zukunft aus einem komplexeren Prozess. Es zeichnet die Zeitlinie in einer Schleifenform, in einer Rekursion, in der wir selbst, unsere eigenen Pro- jektionen, Wünsche, Ängste eine wesentliche Rolle spielen.

1. Die Zukunft ist grundlegend komplex, denn jeder Trend hat einen Gegentrend. Nichts verläuft linear, das Alte kehrt auf verschiedene Weise wieder. Gegen die Globalisie- rung entsteht als Widerstand die Sehnsucht nach Nähe, Nation, Gemeinschaft, Identität. Gegen die Beschleunigung entsteht der Slowtrend als Bedürfnis nach Entschleunigung. Wo sich Purismus, Einfachheit, Schlichtheit durchsetzen, folgt gleich wieder eine Ära des Orna- ments. So entsteht Zukunft aus dem Tanz der Wiedersprüche, in immer neuen Synthesen und Symbiosen, in denen sich das Alte mit dem Neuen re-konfiguriert. Oft ist Zukunft nicht eindeutig, sondern vielfältig. Die Zukunft ist nicht das Ende einer Linie, sondern das Resultat von Entfaltungen. Eine Aussage über die Zukunft, die meistens stimmt: Sie ist wi- dersprüchlicher und vielfältiger als die Gegenwart.

2. Zukunft entsteht immer im Spannungsfeld zwischen Kultur, Technologie und An- thropologie des Menschen. Technologie ist nicht sauber von Kultur zu trennen. Wir kön- nen nur verstehen, was kommt, wenn wir in Wechselwirkungen und Durchdringungen denken. Zufälle spielen dabei eine wichtige Rolle.

3. Wenn wir über Zukunft nachdenken, müssen wir uns selbst mit-reflektieren. Denn das Denken über die Zukunft ist immer ein Projektionsprozess, in den menschliche Wün- sche, Ängste, Emotionen eingehen. Nur, wenn wir uns selbst in der Zukunft spiegeln, kön- nen wir sie verstehen.

Zukunftsforschung vom Typ Futur 2 bezieht in ihre Modelle menschliche Entschei- dungen mit ein, die eine gewisse Autonomie aufweisen. Deepak Chopra sagte: „Immer, wenn wir eine Wahl treffen, verändern wir die Zukunft.“

Futur 1 basiert auf dem Zustand des wunderns. Wir wundern uns, wenn wir eine er- wartbare Sensation erleben. Wenn in Science-Fiction-Filmen der Held mit dem Laser- schwert zaubert oder der Super-Roboter aus der Zukunft ganze Armeen vernichtet, dann wundern wir uns.

Futur 2 handelt hingegen vom Staunen. Während beim Wundern nur unsere affektive, kindliche Sensationslust befriedigt wird, verändert sich beim Staunen etwas in uns selbst. Wir machen eine Erfahrung, die unsere inneren Narrative selbst verändert.

Zusammengefasst: In Futur 1 ist die Zukunft vorbestimmt. Aber im Grunde haben wir keine Ahnung von ihr; sie bleibt uns fremd, äußerlich; sie ist ein exotisches Schicksal, das wir nur annehmen oder fürchten können. In Futur 2 sind wir selbst die Produzenten des Kommenden. Diese Zukunft beginnt heute. Durch komplexe Prognostik können wir unseren „Future Sense“ trainieren, unsere Fähigkeit zum Wandel. Um es mit Rilke zu sa- gen: „Die Zukunft zeigt sich in uns, lange bevor sie eintritt.“